Musik erinnert uns daran, worauf es wirklich ankommt

Drei Lieder, die mich an das erinnert haben, worauf es im Leben wirklich ankommt

Manchmal erinnert uns Musik an Dinge, die wir eigentlich längst wissen – und trotzdem viel zu selten bewusst wahrnehmen.

Vor einigen Tagen war ich auf einem Konzert von Florian Künstler in Dresden.

Es war weit mehr als ein musikalischer Abend.

Es war ein Abend voller Geschichten. Ein Wechselbad der Gefühle. Ich habe gelacht, geschmunzelt, nachgedacht und zwischendurch auch geweint. Nicht, weil ich traurig war, sondern weil mich manche Geschichten so tief berührt haben.

Besonders beeindruckt hat mich dabei Florian selbst.

Er wirkt authentisch, echt und nahbar. Er verspricht sich zwischendurch, hat kleine Texthänger, lacht darüber und macht einfach weiter. Genau das macht ihn für mich so sympathisch.

Denn Perfektion beeindruckt vielleicht.

Echtheit berührt.

Von den vielen wunderbaren Liedern des Abends sind mir drei ganz besonders im Herzen geblieben. Nicht nur wegen ihrer Melodie, sondern wegen ihrer Botschaft. Und weil sie mich sowohl persönlich als auch beruflich noch lange beschäftigt haben.

"Wenn ich einmal Kinder habe"

Bevor Florian das Lied spielte, erzählte er seine eigene Geschichte.

Er sprach darüber, dass er als Pflegekind aufgewachsen ist und immer wieder weitergereicht wurde. Bis ihn eine Pflegefamilie irgendwann fragte:

"Möchtest du bei uns bleiben?"

Ein kurzer Satz.

Aber vermutlich einer der bedeutendsten seines Lebens.

Während ich zuhörte, musste ich an viele Kinder denken, denen ich im Laufe meines Berufslebens begegnet bin.

An Kinder, für die Verlässlichkeit keine Selbstverständlichkeit war.

An Kinder, die sich nichts sehnlicher gewünscht haben, als irgendwo wirklich anzukommen.

Gerade in der pädagogischen Arbeit sprechen wir häufig über Förderung, Entwicklung, Bildung und Konzepte.

Doch manchmal vergessen wir, dass die wichtigste Frage für ein Kind eine ganz andere ist:

"Bin ich hier sicher?"

Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen.

Sie brauchen Menschen, die bleiben.

Die zuhören.

Die ihnen das Gefühl geben, willkommen zu sein.

Manchmal beginnt Zugehörigkeit mit einem einzigen Satz.

Und manchmal verändert genau dieser Satz ein ganzes Leben.

Hinter jedem Verhalten steckt eine Geschichte

Im Laufe des Konzerts gab es viele weitere emotionale Momente.

Eines der Lieder, das mich besonders bewegt hat, war „Tausende mehr“.

Für mich erzählt dieses Lied davon, dass wir nie wirklich wissen, was in einem anderen Menschen vorgeht.

Jeder trägt seine eigene Geschichte mit sich.

Ängste.

Zweifel.

Verletzungen.

Hoffnungen.

Im Alltag sehen wir meist nur das Verhalten.

Nicht die Erfahrungen dahinter.

Genau deshalb begleitet mich seit vielen Jahren ein systemischer Gedanke:

Jedes Verhalten hat seinen Sinn.

Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten richtig oder akzeptabel ist.

Aber jedes Verhalten erfüllt für den Menschen, der es zeigt, einen Zweck.

Vielleicht steckt hinter Rückzug die Angst, verletzt zu werden.

Hinter Wut die Sehnsucht, endlich gehört zu werden.

Hinter Perfektionismus die Angst, nicht gut genug zu sein.

Wenn wir beginnen, Verhalten verstehen zu wollen, statt Menschen vorschnell zu bewerten, verändert sich unser Blick.

Nicht nur auf andere.

Sondern auch auf uns selbst.

Vielleicht würden wir häufiger fragen:

"Was könnte hinter diesem Verhalten stecken?"

Anstatt sofort zu denken:

"Warum verhält sich dieser Mensch so?"

Für mich macht genau das den Unterschied zwischen Bewertung und Verständnis aus.

Vergiss die guten Tage nicht

Das dritte Lied, das mich besonders begleitet hat, war „Vergiss die guten Tage nicht.“

Ich glaube, jeder Mensch kennt Phasen, in denen sich Sorgen in den Vordergrund drängen.

Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Gefahren wahrzunehmen.

Das ist wichtig.

Aber genau dadurch übersehen wir oft all das Gute, das ebenfalls da ist.

Die kleinen Erfolge.

Die schönen Begegnungen.

Die Momente, in denen jemand einfach nur für uns da war.

Gerade in sozialen Berufen begegnen wir täglich Krisen, Konflikten und schweren Schicksalen.

Da passiert es schnell, dass unser Blick fast ausschließlich auf dem liegt, was noch nicht gelungen ist.

Dabei gibt es jeden Tag kleine Erfolge.

Ein Kind, das zum ersten Mal stolz sagt: "Das habe ich alleine geschafft."

Eine Familie, die nach einem schwierigen Gespräch wieder Hoffnung schöpft.

Ein Teammitglied, das sich endlich verstanden fühlt.

Oder einfach der Moment, in dem wir abends nach Hause gehen und wissen:

Heute habe ich für einen Menschen einen kleinen Unterschied gemacht.

Vielleicht brauchen wir genau deshalb solche Erinnerungen.

Nicht, weil sie Probleme lösen.

Sondern weil sie unseren Blick wieder auf das richten, was Kraft gibt.

Was ich aus diesem Abend mitgenommen habe

Als ich später wieder im Hotel ankam, klangen diese drei Lieder noch immer in mir nach.

Nicht nur ihre Melodien.

Sondern ihre Botschaften.

Sie haben mich daran erinnert,

dass Beziehungen Leben verändern können.

Dass Worte bleiben.

Dass hinter jedem Menschen eine Geschichte steckt.

Dass Echtheit mehr verbindet als Perfektion.

Und dass wir bei all den Herausforderungen die guten Tage nicht vergessen dürfen.

 

Vielleicht ist genau das die besondere Kraft von Musik.

Sie erinnert uns daran, wer wir sein möchten.

Als Führungskraft.

Als pädagogische Fachkraft.

Als Kolleg*in.

Als Eltern.

Oder einfach als Mensch.

 

Ich bin dankbar für diesen Abend.

Für die Geschichten.

Für die Ehrlichkeit.

Für die Erinnerung daran, dass Zugehörigkeit Leben verändern kann.

Dass hinter jedem Verhalten eine Geschichte steckt.

Und dass wir die guten Tage nie vergessen sollten.

Denn genau sie geben uns die Kraft, auch die schweren zu überstehen.

 

Danke, Florian Künstler.

Nicht nur für deine Musik.

Sondern für einen Abend, der mich daran erinnert hat, warum ich tue, was ich tue.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft von Musik.

Nicht darin, Antworten auf alles zu geben. Sondern darin, Gefühle sichtbar zu machen, für die uns oft die Worte fehlen.

Dieses Konzert hat mich lachen lassen, nachdenklich gemacht und an manchen Stellen auch zu Tränen gerührt. Es hat mich daran erinnert, wie wichtig Zugehörigkeit ist. Wie viel Hoffnung in einem einzigen Satz liegen kann. Und dass wir mit unseren Ängsten oft viel weniger allein sind, als wir glauben.

Vor allem aber hat es mir noch einmal bewusst gemacht, wie entscheidend es ist, die guten Tage nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade dann, wenn das Leben laut wird, wenn Sorgen den Blick verstellen oder wenn wir glauben, alles drehe sich nur noch um das, was gerade schwer ist.

Die guten Tage verschwinden nicht. Manchmal geraten sie nur in den Hintergrund.

Ich bin dankbar für diesen Abend. Für die Geschichten. Für die Ehrlichkeit. Für einen Künstler, der den Mut hat, sich nicht perfekt zu zeigen und gerade dadurch so viele Menschen berührt.

Denn genau das bleibt oft am längsten in Erinnerung:
Nicht Perfektion bewegt Menschen.
Sondern Echtheit.

Vielen Dank für diesen Abend, Florian Künstler.

Ihre Kristin Bischoff