Geschichten, die verändern –
Warum Narrative im Coaching so wirksam sind

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen. Erwachsenen erzählt man Geschichten, damit sie aufwachen.“

Als ich diesen Satz von Jorge Bucay zum ersten Mal gelesen habe, blieb er bei mir hängen. Vielleicht, weil er etwas beschreibt, das wir alle kennen: Geschichten begleiten uns unser ganzes Leben. Sie begegnen uns in Büchern, Filmen, Gesprächen mit Freund*innen oder Erinnerungen an unsere Kindheit. Doch Geschichten sind weit mehr als Unterhaltung. Sie helfen uns, die Welt zu verstehen. Vor allem aber helfen sie uns, uns selbst zu verstehen.

Genau deshalb spielen Geschichten auch im Coaching eine so bedeutende Rolle.

 

Wir alle leben in Geschichten

Menschen denken nicht in Tabellen, Diagnosen oder Statistiken. Wir denken in Geschichten.

Wenn jemand sagt:
„Ich bin nicht gut genug.“
„Ich scheitere immer wieder an denselben Dingen.“
„Konflikte kann ich einfach nicht.“
„Für eine Führungsrolle bin ich nicht gemacht.“

dann hören wir nicht nur einen Gedanken. Wir hören eine Geschichte.

Diese Geschichten entstehen nicht über Nacht. Sie entwickeln sich aus Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnissen. Aus Lob und Kritik. Aus Erfolgen und Niederlagen. Mit der Zeit werden sie Teil unserer Identität.

Wir erzählen sie anderen.

Vor allem aber erzählen wir sie uns selbst.

Das Problem dabei ist: Nicht jede Geschichte unterstützt uns. Manche geben Orientierung und Kraft. Andere begrenzen uns.

 

Der angekettete Elefant

Eine Geschichte aus Jorge Bucays Buch „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ verdeutlicht dies auf eindrucksvolle Weise.

Ein kleiner Elefant wird im Zirkus an einen Pflock gekettet. Tag für Tag versucht er, sich zu befreien. Er zieht, zerrt und kämpft mit aller Kraft. Doch er ist noch zu klein und zu schwach.

Nach unzähligen Versuchen gibt er auf.

Jahre später ist aus dem kleinen Elefanten ein gewaltiges Tier geworden. Er könnte den Pflock mühelos aus dem Boden reißen. Doch er versucht es nicht mehr.

Nicht weil er es nicht kann.

Sondern weil er irgendwann gelernt hat zu glauben, dass er es nicht kann.

Als ich diese Geschichte las, dachte ich nicht an einen Zirkus. Ich dachte an Menschen.

An Menschen, die irgendwann gescheitert sind.
An Menschen, die einmal verletzt wurden.
An Menschen, die irgendwann beschlossen haben, etwas nicht zu können.

Und plötzlich wurde mir klar: Viele von uns leben mit solchen Pflöcken.

 

Die unsichtbaren Pflöcke unseres Lebens

Vielleicht war da eine Lehrkraft, die sagte:
„Das wird nichts mit dir.“

Vielleicht ein Elternteil, das ständig kritisierte.
Vielleicht ein gescheitertes Projekt.
Vielleicht eine Kündigung.
Vielleicht ein Konflikt, der schmerzhaft endete.

Aus einzelnen Erfahrungen entstehen Überzeugungen:
„Ich bin nicht klug genug.“
„Ich kann keine Führungskraft sein.“
„Ich darf keine Fehler machen.“
„Ich muss immer stark sein.“
„Ich bin für alles verantwortlich.“

Je häufiger wir diese Sätze denken, desto wahrer erscheinen sie uns.

Irgendwann werden sie zu unserer persönlichen Lebensgeschichte.

Doch genau wie beim Elefanten stellt sich die Frage:
Sind diese Geschichten heute noch wahr?

Oder stammen sie aus einer Zeit, in der wir tatsächlich noch nicht die Kraft, die Erfahrung oder die Ressourcen hatten, die wir heute besitzen?

 

Coaching beginnt mit Zuhören

Im Coaching geht es deshalb zunächst nicht darum, Lösungen zu präsentieren.

Es geht darum, zuzuhören.

Denn jede Person bringt ihre eigene Geschichte mit.

Wer aufmerksam zuhört, erkennt häufig wiederkehrende Muster:
Menschen erzählen von denselben Konflikten.
Von denselben Ängsten.
Von denselben Zweifeln.

Oft zeigen sich dabei Glaubenssätze wie:
„Ich muss es allen recht machen.“
„Ich darf niemanden enttäuschen.“
„Ich bin nur wertvoll, wenn ich leiste.“
„Andere sind wichtiger als ich.“

Diese Überzeugungen wirken wie ein unsichtbares Drehbuch. Sie beeinflussen Entscheidungen, Beziehungen und das eigene Selbstbild.

 

Geschichten schaffen neue Perspektiven

Die besondere Kraft von Geschichten liegt darin, dass sie neue Blickwinkel ermöglichen.

Wenn ich jemandem direkt sage:
„Vielleicht betrachten Sie die Situation zu negativ.“
entsteht oft Widerstand.

Eine Geschichte hingegen öffnet einen Raum.
Menschen können sich darin wiederfinden, ohne sich angegriffen zu fühlen.
Sie beginnen, selbst nachzudenken.

Genau deshalb arbeiten Coaches häufig mit Metaphern, Märchen, Gleichnissen oder kurzen Erzählungen.

Geschichten umgehen den inneren Widerstand und sprechen gleichzeitig Kopf und Herz an.

 

Die richtigen Fragen verändern Geschichten

Im Coaching geht es nicht darum, eine Geschichte einfach positiv umzuschreiben.

Es geht darum, sie genauer zu betrachten.

Hilfreiche Fragen können sein:

  • Wo beginnt diese Geschichte?
  • Welche Erfahrungen haben sie geprägt?
  • Welche Menschen haben daran mitgeschrieben?
  • Welche Ressourcen haben Ihnen geholfen?
  • Welche Fähigkeiten haben Sie dadurch entwickelt?
  • Wie würde eine andere Person dieselbe Situation beschreiben?

Solche Fragen ermöglichen es, die eigene Geschichte aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Oft entdecken Menschen dabei Stärken, die sie bislang übersehen haben.

 

Vom Problem zur Entwicklungsgeschichte

Besonders spannend wird Coaching, wenn sich die Bedeutung einer Geschichte verändert.

Aus
„Ich bin ständig überfordert.“
wird
„Ich habe lange versucht, allen Erwartungen gerecht zu werden und lerne gerade, Grenzen zu setzen.“

Aus
„Ich bin konfliktscheu.“
wird
„Ich habe früh gelernt, Harmonie zu sichern und entwickle heute die Fähigkeit, Konflikte konstruktiv anzusprechen.“

Aus
„Ich habe versagt.“
wird
„Ich habe eine Erfahrung gemacht, aus der ich lernen konnte.“

Die Vergangenheit verändert sich dadurch nicht.

Aber ihre Bedeutung verändert sich.

Und genau darin liegt häufig der Beginn von Veränderung.

 

Was Führungskräfte daraus lernen können

Auch Führungskräfte erzählen Geschichten.

Über sich.
Über ihre Teams.
Über ihre Organisation.

Wenn eine Leitungskraft überzeugt ist:
„Mein Team zieht sowieso nicht mit.“
wird sie anders handeln als jemand, der denkt:
„Mein Team braucht Orientierung und Beteiligung.“

Die Geschichte beeinflusst das Verhalten.

Und das Verhalten beeinflusst wiederum die Realität.

Deshalb lohnt es sich gerade in Führungsrollen, die eigenen Narrative regelmäßig zu hinterfragen.

 

Die Frage, die bleibt

Die Geschichte vom angeketteten Elefanten endet nicht wirklich.

Denn sie stellt uns allen dieselbe Frage:
Welcher Pflock hält mich zurück?
Welche Überzeugung begleitet mich vielleicht schon seit Jahren?

Und vor allem:
Ist sie heute noch wahr?

Vielleicht sind wir längst stärker, erfahrener und handlungsfähiger, als wir glauben.

Vielleicht halten uns nicht die äußeren Umstände fest.

Sondern eine Geschichte, die irgendwann einmal entstanden ist.

Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo wir den Mut finden, diese Geschichte neu zu betrachten.

Denn wir sind nicht die Gefangenen unserer bisherigen Erzählung.

Wir können das nächste Kapitel selbst schreiben.

 

Fazit

Geschichten sind weit mehr als schöne Erzählungen. Sie prägen unser Selbstbild, beeinflussen unsere Entscheidungen und bestimmen oft, was wir für möglich halten.

Im Coaching dienen sie deshalb nicht nur der Reflexion. Sie helfen dabei, verborgene Muster sichtbar zu machen, neue Perspektiven zu entwickeln und Handlungsspielräume zu erweitern.

Manchmal braucht es keine neue Methode.

Manchmal braucht es nur eine neue Sicht auf die eigene Geschichte.

Und manchmal genügt die Erkenntnis, dass der Pflock, an den wir uns gebunden fühlen, längst nicht mehr stark genug ist, uns festzuhalten.

 

Quellen

Dieser Artikel basiert unter anderem auf folgenden Werken:

Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft von Geschichten.

Sie unterhalten uns nicht nur. Sie halten uns einen Spiegel vor. Manchmal zeigen sie uns etwas, das wir über Jahre übersehen haben. Manchmal machen sie sichtbar, welcher „Pflock“ uns noch immer festhält, obwohl wir längst stark genug wären, ihn hinter uns zu lassen.

Genau diese Momente erlebe ich auch in meiner Arbeit als Coach, Supervisorin und Fachberaterin.
Oft beginnt Veränderung nicht mit einer Lösung, sondern mit einer neuen Sicht auf die eigene Geschichte.

Wenn dieser Beitrag Sie zum Nachdenken angeregt hat und Sie Ihre eigenen Muster, Überzeugungen oder Entwicklungsmöglichkeiten
näher betrachten möchten, freue ich mich auf den Austausch mit Ihnen.