Wenn Teams nur noch funktionieren:
Burnout erkennen und handeln

Die unsichtbaren Zeichen von Überlastung in sozialen Einrichtungen erkennen und gemeinsam neue Wege gehen.

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Jörg Fengler
über Team-Burnout, stille Warnzeichen
und die Kraft gemeinsamer Reflexion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über genau diese Dynamik habe ich mit Prof. Dr. Jörg Fengler gesprochen. Er ist Psychologe, Psychotherapeut, emeritierter Professor, Supervisor, Coach und Autor des Fachbuchs „Ausgebrannte Teams“. Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt er sich mit den Herausforderungen und der Kraft der gemeinsamen Reflexion in Teams.

Seine Expertise unterstreicht die Notwendigkeit, frühzeitig auf die Anzeichen von Team-Burnout zu achten und präventive Maßnahmen zu ergreifen, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit sozialer Einrichtungen zu erhalten.

Montagmorgen. Die Teamsitzung beginnt. Der Konferenztisch ist gedeckt, die Tagesordnung liegt bereit. Eigentlich ist alles wie immer.

Und doch liegt etwas in der Luft.

Eine Kollegin fehlt. Zwei andere schweigen. Die Leitung wirkt erschöpft. Niemand spricht es offen aus, aber alle spüren:
Hier geht es längst nicht mehr nur um einen anstrengenden Tag.

Manche Teams brechen nicht plötzlich zusammen. Sie werden leiser. Müder. Gereizter. Gespräche werden kürzer, Pausen stiller, Besprechungen zäher. Was früher gemeinsam getragen wurde, landet plötzlich auf einzelnen Schultern. Aus Zusammenarbeit wird Funktionieren.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Jörg Fengler wurde deutlich: Team-Burnout ist kein Randthema. Es ist ein ernstzunehmendes Warnsignal dafür,
dass nicht nur Einzelne, sondern ganze Arbeitsgruppen in einen Zustand kollektiver Erschöpfung geraten können.

Burnout ist nicht nur ein individuelles Thema

Prof. Dr. Jörg Fengler beschreibt Burnout nicht nur als persönliches Erschöpfungsgeschehen. Er lenkt den Blick auf das Team als System.

Nicht nur einzelne Menschen können ausbrennen. Auch Teams können ihre Energie, ihre Motivation und ihre Verbindung verlieren. Besonders in sozialen und helfenden Berufen ist diese Perspektive wichtig. Denn dort treffen hohe Verantwortung, emotionale Anforderungen, Zeitdruck und oft schwierige Rahmenbedingungen aufeinander.

Team-Burnout entsteht selten plötzlich. Er entwickelt sich schleichend. Über Wochen, Monate, manchmal über Jahre.
Gerade deshalb wird er oft zu spät erkannt.

Im Gespräch betonte Fengler, dass erschöpfte Teams nicht immer laut werden. Häufig werden sie still. Menschen ziehen sich zurück. Beteiligung nimmt ab. Kommunikation wird brüchig. Humor verschwindet. Die gemeinsame Gestaltungskraft geht verloren.

Was nach außen noch funktioniert, kann innerlich längst erschöpft sein.

Die stillen Warnzeichen

Ein zentraler Punkt im Gespräch mit Jörg Fengler waren die frühen Warnzeichen.

Team-Burnout kündigt sich nicht immer dramatisch an. Oft beginnt er mit kleinen Verschiebungen im Alltag. Menschen sprechen weniger.
Sie reagieren gereizter. Entscheidungen werden vertagt. Zuständigkeiten bleiben unklar. Sätze wie „Das bringt doch eh nichts“ oder
„So läuft das hier eben“ werden normal.

Solche Aussagen können harmlos wirken. In Wahrheit zeigen sie oft, dass Hoffnung und Selbstwirksamkeit schwinden.

Fengler beschreibt auch Formen innerer Abwesenheit. Menschen funktionieren weiter, sind aber nicht mehr wirklich präsent. Sie erledigen Aufgaben, nehmen an Besprechungen teil, beantworten Fragen. Doch innerlich sind sie müde, leer oder bereits auf Abstand gegangen.

Gerade diese leisen Zeichen sind gefährlich, weil sie leicht übersehen werden.

Mögliche Warnzeichen sind:

  • Rückzug aus Gesprächen
  • weniger Beteiligung in Teamsitzungen
  • zunehmender Zynismus
  • Gereiztheit und Schuldzuweisungen
  • steigende Fehlzeiten
  • Verlust von Humor und Leichtigkeit
  • diffuse Zuständigkeiten
  • das Gefühl, nur noch durchzuhalten
  • emotionale Distanz
  • Sprachlosigkeit im Team

Fenglers Blick macht deutlich: Es geht nicht darum, einzelne Personen als „problematisch“ zu markieren.
Es geht darum, die Dynamik des gesamten Teams ernst zu nehmen.

Wenn das Team selbst zum Stressfaktor wird

Ein besonders wichtiger Gedanke aus dem Gespräch war: Das Team, das eigentlich entlasten sollte, kann selbst zum Stressfaktor werden.

In gesunden Teams können Belastungen geteilt werden. Man unterstützt sich, spricht sich ab, fängt sich auf. Doch wenn ein Team erschöpft ist, geht genau diese Schutzfunktion verloren.

Dann werden Besprechungen anstrengender als hilfreich. Konflikte bleiben ungeklärt. Rückmeldungen werden vermieden.
Missverständnisse häufen sich. Aus Kolleg*innen werden Einzelkämpfer*innen.

Gerade in sozialen Organisationen ist das fatal. Denn dort ist Zusammenarbeit kein nettes Extra, sondern Grundlage guter Arbeit.

Wenn ein Team nicht mehr miteinander verbunden ist, leidet nicht nur die Stimmung. Es leidet auch die Qualität der Arbeit, die Sicherheit im Handeln und langfristig die Gesundheit der Menschen im System.

Führung braucht Aufmerksamkeit für Atmosphäre

Im Gespräch mit Jörg Fengler wurde auch deutlich, welche Rolle Führung spielt.

Führung bedeutet in erschöpften Teams nicht nur Organisation, Dienstplanung oder Aufgabenverteilung. Führung bedeutet auch, Atmosphäre wahrzunehmen.

Schweigen ist nicht automatisch Zustimmung. Manchmal ist Schweigen ein Zeichen von Resignation. Wenn niemand mehr widerspricht, heißt das nicht unbedingt, dass alle einverstanden sind. Es kann auch bedeuten, dass niemand mehr Kraft hat, sich einzubringen.

Führungskräfte brauchen deshalb einen wachen Blick für leise Veränderungen:

  • Wer zieht sich zurück?
  • Welche Themen werden immer wieder vermieden?
  • Wo entstehen Schuldzuweisungen?
  • Welche Konflikte tauchen immer wieder auf?
  • Wo wird nur noch funktioniert?
  • Was wird nicht mehr ausgesprochen?

Fenglers Perspektive zeigt: Gesunde Führung schafft Räume, in denen Belastung ausgesprochen werden darf, bevor sie sich verfestigt.

Supervision als Raum für Bewegung

Ein weiterer Schwerpunkt im Gespräch war die Bedeutung von Supervision.

Für Jörg Fengler ist Supervision kein Ort, an dem einfach nur „geredet“ wird. Sie ist ein Raum, in dem Teams ihre Muster erkennen, Perspektiven wechseln und wieder in Bewegung kommen können.

Dabei geht es nicht um Schuld. Es geht um Verstehen.

Was passiert hier gerade?
Welche Dynamik wiederholt sich?
Welche Perspektiven fehlen?
Welche unausgesprochenen Erwartungen wirken im Hintergrund?
Was braucht das Team, um wieder handlungsfähig zu werden?

Besonders eindrücklich fand ich Fenglers Bild der „inneren Kamera“. In der Supervision fragt er sich sinngemäß:
Würde ich mein Handeln auch vertreten können, wenn eine außenstehende Person später darauf schauen würde?

Dieses Bild lässt sich auch auf Teams übertragen. Es lädt dazu ein, bewusster zu sprechen, fairer zu handeln und nicht nur die anwesenden Perspektiven mitzudenken, sondern auch die der abwesenden Kolleg*innen, Klient*innen, Kinder, Familien oder der Organisation.

Supervision wirkt dann, wenn sie nicht nur bestätigt, sondern auch irritiert. Wenn sie neue Fragen stellt.
Wenn sie hilft, aus festgefahrenen Mustern auszusteigen.

Kleine Impulse mit großer Wirkung

Jörg Fengler arbeitet nicht nur mit großen Konzepten, sondern auch mit kleinen, alltagstauglichen Impulsen. Gerade für erschöpfte Teams ist das wichtig.

Wenn ein Team am Limit ist, helfen keine überfordernden Großprogramme. Dann braucht es kleine Schritte, die wieder Selbstwirksamkeit ermöglichen.

Ein Beispiel aus Fenglers Denken ist die Bedeutung von Sprache. Ein kleines Wort kann einen Unterschied machen.

Aus „Mir fällt nichts ein“ wird:
„Mir fällt noch nichts ein.“

Dieses „noch“ verändert den Möglichkeitsraum. Es öffnet eine Tür. Es sagt: Im Moment ist es schwer, aber es muss nicht so bleiben.

Genau solche kleinen sprachlichen Verschiebungen können in Teams viel bewirken. Sie nehmen Druck heraus und machen Entwicklung wieder denkbar.

Auch Fragen können kleine Interventionen sein:

  • Was ist im Moment besonders schwer?
  • Was wird bei uns nicht ausgesprochen?
  • Wo haben wir Verbindung verloren?
  • Was hat uns früher als Team getragen?
  • Was wäre ein kleiner erster Schritt?
  • Was brauchen wir, um wieder miteinander ins Gespräch zu kommen?

In erschöpften Teams geht es oft nicht darum, sofort alles zu lösen. Es geht darum, wieder Bewegung möglich zu machen.

Verbindung statt Verteidigung

Ein Gedanke aus dem Gespräch mit Fengler ist mir besonders geblieben: Veränderung entsteht nicht durch Druck, sondern durch Verbindung.

In erschöpften Teams gehen Menschen oft in Verteidigung. Sie rechtfertigen sich, ziehen sich zurück oder greifen an. Das ist menschlich.
Wer lange unter Druck steht, hat weniger Kraft für Perspektivwechsel und echtes Zuhören.

Fengler verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung von Sprache, Bildern und Metaphern. Besonders eindrücklich war seine Erinnerung an eine Begegnung mit Paul Watzlawick. Auf die Frage, wie Watzlawick therapeutisch wirklich arbeite, habe dieser sinngemäß geantwortet: Entscheidend sei, die Metaphern der Klient*innen zu nutzen.

Für Fengler wurde daraus ein wichtiger Arbeitsgrundsatz. Wer die Bilder des Gegenübers versteht, findet leichter Zugang zu dessen innerer Welt.

In einem Coachingprozess im Auswärtigen Amt nutzte Fengler genau diesen Zugang.
Statt den Konflikt direkt weiter zu analysieren, fragte er die Beteiligten: Was wäre für Sie eine diplomatische Lösung?

Diese Frage passte zur Welt der Beteiligten. Sie öffnete einen Raum, in dem Menschen nicht mehr nur verteidigten, sondern wieder nachdachten. Nicht gegeneinander, sondern miteinander.

Für Teams ist das ein zentraler Gedanke: Kommunikation wird dann wirksam, wenn Menschen sich in ihrer Sprache, ihrer Wirklichkeit und ihrer Perspektive ernst genommen fühlen.

Was Teams wieder stärken kann

Aus dem Gespräch mit Jörg Fengler nehme ich vor allem eines mit: Teamgesundheit entsteht nicht zufällig.

Sie braucht Aufmerksamkeit, Struktur und Räume für ehrliche Reflexion.

Dazu gehören:

  • regelmäßige Supervision oder Teamreflexion
  • Führung, die auch leise Warnzeichen wahrnimmt
  • klare Zuständigkeiten
  • eine Kultur, in der Belastung ausgesprochen werden darf
  • Wertschätzung und Beteiligung
  • kleine, machbare Schritte
  • der Mut, Störungen nicht zu übergehen
  • Kommunikation, die Verbindung ermöglicht
  • externe Begleitung, wenn das Team feststeckt

Team-Burnout ist kein Zeichen dafür, dass Menschen versagt haben. Es ist ein Hinweis darauf, dass ein System zu lange zu viel getragen hat.

Fazit: Teams brauchen Räume, bevor sie verstummen

Das Gespräch mit Prof. Dr. Jörg Fengler hat mir noch einmal deutlich gemacht: Team-Burnout beginnt oft leise.

Nicht mit einem großen Knall, sondern mit Rückzug. Mit Schweigen. Mit Zynismus. Mit dem Verlust von Verbindung.

Wenn Teams nur noch funktionieren, ist das kein Zustand, den man einfach hinnehmen sollte. Es ist ein Signal.

Ein Signal, genauer hinzusehen.
Ein Signal, Räume zu schaffen.
Ein Signal, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.

Vielleicht beginnt Teamgesundheit nicht mit einem großen Maßnahmenplan. Vielleicht beginnt sie mit einer ehrlichen Frage:

Wie geht es uns eigentlich wirklich?

Und mit der Bereitschaft, die Antwort ernst zu nehmen.

Hinweis für Teams und Organisationen

Wenn Sie in Ihrem Team ähnliche Dynamiken wahrnehmen, kann Supervision, Fachberatung oder Prozessbegleitung ein erster Schritt sein.
In einem geschützten Rahmen lassen sich Belastungen sortieren, Muster verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln.

Quellen und fachliche Grundlage

Fengler, J. & Sanz, A. (2012). Ausgebrannte Teams. Burnout-Prävention und Salutogenese. Klett-Cotta.

Interview mit Prof. Dr. Jörg Fengler.

DAK-Gesundheitsreport 2024.

BKK Dachverband: Psychische Belastungen am Arbeitsplatz.

Wie ich Ihrem Team helfen kann

Meine Coachings und Schulungen sind speziell darauf ausgelegt, Teams in sozialen Einrichtungen dabei zu unterstützen, aus dem Burnout herauszufinden und wieder ihre volle Leistungsfähigkeit zu erlangen. Durch eine Kombination aus systemischem Denken und praxisnahen Ansätzen helfe ich Ihnen, die Wurzeln der Erschöpfung zu erkennen und nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Gemeinsam erarbeiten wir Strategien für eine gesunde Führung, stärken die Teamgesundheit, optimieren die Kommunikation und entwickeln tragfähige Strukturen,
die Ihr Team resilienter machen. Mein Ziel ist es, Ihr Team zu befähigen, wieder mit Freude und Effektivität zusammenzuarbeiten.

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