Vom Reagieren zum Gestalten:
Achtsamkeit und Selbstführung
für pädagogische Fachkräfte
von Irene Ossa
Wie oft reagieren wir im pädagogischen Alltag, obwohl wir eigentlich bewusst handeln möchten?
Ein Kind braucht Unterstützung. Eine Kollegin hat sich krankgemeldet. Eltern möchten kurzfristig ein Gespräch führen. Gleichzeitig warten organisatorische Aufgaben, Dokumentationen und Entscheidungen.
Der Tag ist noch jung und trotzdem entsteht bereits das Gefühl, nur noch auf Anforderungen zu reagieren.
Viele pädagogische Fachkräfte kennen solche Situationen.
Sie organisieren, begleiten, trösten, vermitteln und versuchen, den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Dabei geraten die eigenen Bedürfnisse nicht selten in den Hintergrund.
Doch was passiert, wenn wir dauerhaft funktionieren, ohne wahrzunehmen, wie es uns selbst eigentlich geht?
Und wie können wir lernen, auch in herausfordernden Situationen bewusst zu handeln, anstatt uns ausschließlich von äußeren Anforderungen und inneren Stressreaktionen leiten zu lassen?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich Irene Ossa in ihrem Buch „Vom Reagieren zum Gestalten. Achtsamkeit & Selbstführung für pädagogische Fachkräfte“, erschienen 2026 im Herder Verlag in der Reihe Blickwinkel.
Das Buch verbindet Grundlagen der Achtsamkeit mit Selbstregulation, Selbstmitgefühl, innerer Klärung und achtsamer Kommunikation.
Besonders interessant finde ich dabei den Ansatz, Achtsamkeit nicht als zusätzliche Aufgabe auf einer ohnehin langen To-do-Liste zu betrachten.
Vielmehr geht es darum, eine innere Haltung zu entwickeln, die dabei unterstützt, sich selbst und anderen auch unter Belastung bewusst zu begegnen.
Worum geht es in dem Buch?
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie pädagogische Fachkräfte ihre Selbstwahrnehmung und Selbstführung stärken können.
Die Autorin beschreibt, wie schnell Menschen im beruflichen Alltag in einen automatisierten Reaktionsmodus geraten.
Sie handeln, weil etwas erledigt werden muss. Sie reagieren auf Erwartungen, Zeitdruck oder Konflikte. Häufig bleibt dabei wenig Raum, um innezuhalten und bewusst zu entscheiden.
Irene Ossa zeigt, wie Achtsamkeit dazu beitragen kann, diesen Automatismus zu unterbrechen.
Dabei geht es nicht darum, dauerhaft ruhig, ausgeglichen oder positiv zu sein.
Es geht vielmehr darum, die eigenen Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und körperlichen Reaktionen wahrzunehmen und daraus bewusstere Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Selbstführung bedeutet in diesem Verständnis nicht, alles unter Kontrolle zu haben. Sie bedeutet, sich selbst wahrzunehmen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Aus meiner Perspektive als Kitaleitung, Coachin und Supervisorin ist dieser Gedanke besonders relevant.
Denn professionelle Beziehungsgestaltung beginnt nicht ausschließlich bei der Wahrnehmung des Gegenübers.
Sie setzt auch voraus, dass wir unsere eigenen Reaktionen und inneren Muster reflektieren können.
Der Aufbau: Vier zentrale Themenbereiche
Das Buch gliedert sich in vier große Kapitel, die inhaltlich aufeinander aufbauen.
1. Achtsamkeit als Lebenspraxis
Im ersten Kapitel beschäftigt sich Irene Ossa mit den Grundlagen der Achtsamkeit.
Dabei grenzt sie Achtsamkeit von der verbreiteten Vorstellung ab, es gehe vor allem darum, still zu sitzen, zu meditieren oder möglichst entspannt zu sein.
Stattdessen beschreibt sie Achtsamkeit als bewusste und offene Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments.
Das klingt zunächst einfach.
Im pädagogischen Alltag ist es jedoch häufig eine Herausforderung.
Wie oft sind wir gedanklich bereits bei der nächsten Aufgabe, während wir gerade noch mit einem Kind sprechen?
Wie häufig hören wir einem Menschen zu und überlegen gleichzeitig, was anschließend erledigt werden muss?
Die Autorin macht deutlich, dass Achtsamkeit genau in solchen Situationen beginnen kann.
Ein besonders anschauliches Beispiel beschreibt eine pädagogische Fachkraft, die nach einem Elterngespräch in den Gruppenraum zurückkehrt.
Ein Kind erzählt, dass sein gebauter Turm eingestürzt ist.
Eigentlich möchte die Fachkraft schnell eine andere Aufgabe erledigen.
Statt automatisch weiterzugehen, hält sie kurz inne, nimmt ihren Atem wahr und wendet sich dem Kind bewusst zu.
Die äußeren Anforderungen verschwinden dadurch nicht.
Aber die Qualität der Begegnung verändert sich.
Nicht jede Situation benötigt mehr Zeit. Manchmal benötigt sie zunächst mehr bewusste Aufmerksamkeit.
Diesen Gedanken finde ich wertvoll.
Denn gerade im pädagogischen Alltag sind es häufig die kleinen Begegnungen, die für Kinder eine große Bedeutung haben.
Achtsamkeit und Sinnerleben
Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Verbindung zwischen Achtsamkeit und dem Erleben von Sinn.
Die Autorin beschäftigt sich damit, wie Menschen auch unter belastenden Bedingungen mit dem verbunden bleiben können, was ihnen wichtig ist.
Dazu gehören persönliche Werte, berufliche Überzeugungen und die Erfahrung, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken zu können.
Besonders gelungen finde ich die Reflexionsfragen, die dazu einladen, sich mit dem eigenen beruflichen Selbstverständnis auseinanderzusetzen.
Was ist mir in der Begegnung mit Kindern wichtig?
Welche Stärken bringe ich in meinen Alltag ein?
Und was hilft mir, die Freude an meiner Arbeit nicht aus dem Blick zu verlieren?
Gerade für pädagogische Fachkräfte, die ihren Beruf ursprünglich aus einer starken inneren Motivation heraus gewählt haben, können diese Fragen wertvoll sein.
2. Achtsame Selbstführung
Im zweiten Kapitel wird die Verbindung zwischen Achtsamkeit und Selbstführung vertieft.
Die Autorin beschreibt Selbstführung als wichtige Kompetenz im pädagogischen Beruf.
Denn pädagogische Fachkräfte treffen täglich zahlreiche Entscheidungen.
Sie müssen Situationen einschätzen, Prioritäten setzen, auf unterschiedliche Bedürfnisse reagieren und gleichzeitig ihre eigenen Belastungsgrenzen berücksichtigen.
Dabei entstehen immer wieder Spannungen zwischen äußeren Erwartungen und persönlichen Bedürfnissen.
Eine Fachkraft möchte beispielsweise einem Kind ausreichend Zeit schenken, während gleichzeitig mehrere organisatorische Aufgaben warten.
Oder eine Kitaleitung möchte für ihre Mitarbeitenden erreichbar sein, benötigt aber selbst ungestörte Zeit für wichtige Entscheidungen.
Solche Situationen lassen sich nicht immer vollständig auflösen.
Umso wichtiger ist es, die eigenen Reaktionen bewusst wahrzunehmen.
Selbstführung bedeutet nicht, keine inneren Konflikte mehr zu haben. Sie bedeutet, mit diesen Konflikten bewusster umgehen zu können.
Besonders angesprochen hat mich, dass Irene Ossa Selbstführung nicht ausschließlich mit Disziplin oder Leistungsfähigkeit verbindet.
Vielmehr geht es darum, einen freundlichen und gleichzeitig verantwortungsvollen Umgang mit sich selbst zu entwickeln.
Das ist aus meiner Sicht ein wichtiger Unterschied.
Denn gerade Menschen in sozialen Berufen verfügen häufig über ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein.
Sie möchten unterstützen, helfen und möglichst niemanden enttäuschen.
Dabei kann es passieren, dass sie die eigenen Bedürfnisse dauerhaft zurückstellen.
Achtsame Selbstführung kann dabei unterstützen, solche Muster zu erkennen und zu hinterfragen.
3. Achtsame Selbstregulation im Alltag
Das dritte Kapitel ist besonders umfangreich und bildet für mich einen der wichtigsten Teile des Buches.
Hier beschäftigt sich Irene Ossa mit konkreten Möglichkeiten, die eigene Selbstregulation zu stärken.
Dabei betrachtet sie unterschiedliche Zugänge:
-
Körperwahrnehmung und Atmung
-
Stressreaktionen und persönliche Belastungsmuster
-
Meditation und bewusste Präsenz
-
Umgang mit schwierigen Emotionen
-
Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge
-
Innere Bedürfnisse und Antreiber
-
Das Innere Team
-
Das Bewusstheitsrad
Besonders positiv finde ich, dass die Autorin die körperliche Ebene berücksichtigt.
Denn Stress zeigt sich nicht ausschließlich in Gedanken.
Er kann sich beispielsweise durch Muskelanspannung, beschleunigte Atmung, innere Unruhe oder Erschöpfung bemerkbar machen.
Oft reagiert der Körper bereits, bevor wir bewusst wahrnehmen, wie belastend eine Situation gerade ist.
Die Stressspirale erkennen
Ein anschauliches Beispiel beschreibt eine Fachkraft, die innerhalb weniger Minuten mit unterschiedlichen Anforderungen konfrontiert wird.
Ein Kind benötigt Unterstützung, Kolleg*innen diskutieren über die Wochenplanung und eine Mutter möchte ein dringendes Gespräch führen.
Die Fachkraft spürt zunehmenden Druck.
Gleichzeitig meldet sich der innere Anspruch, alles sofort lösen zu müssen.
Irene Ossa zeigt, wie ein bewusstes Innehalten dabei unterstützen kann, wieder mehr Handlungsspielraum zu gewinnen.
Die Situation verändert sich dadurch zunächst nicht.
Aber die Fachkraft kann ihre Reaktion bewusster steuern.
Vielleicht muss das Gespräch mit der Mutter nicht sofort stattfinden.
Vielleicht können Aufgaben anders priorisiert werden.
Oder vielleicht ist es notwendig, Unterstützung einzufordern.
Gerade diesen letzten Aspekt halte ich für wichtig.
Denn Selbstregulation sollte nicht ausschließlich dazu dienen, noch mehr Belastung auszuhalten.
Sie kann auch dabei helfen, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und notwendige Veränderungen einzuleiten.
Selbstmitgefühl statt permanenter Selbstkritik
Ein weiterer Schwerpunkt beschäftigt sich mit Selbstmitgefühl.
Gerade in pädagogischen Berufen erleben Menschen häufig einen hohen Anspruch an das eigene Handeln.
Sie möchten geduldig bleiben, allen Kindern gerecht werden, gute Gespräche führen und professionell auf Konflikte reagieren.
Wenn dies nicht gelingt, entstehen möglicherweise Selbstzweifel oder Schuldgefühle.
Die Autorin lädt dazu ein, die eigene innere Haltung zu hinterfragen.
Wie spreche ich mit mir selbst, wenn mir ein Fehler passiert?
Wie gehe ich mit Überforderung um?
Und würde ich einer Kollegin in einer vergleichbaren Situation genauso begegnen wie mir selbst?
Diese Fragen finde ich ausgesprochen wertvoll.
Professionelles Handeln bedeutet nicht, immer perfekt zu reagieren. Es bedeutet auch, das eigene Verhalten reflektieren und korrigieren zu können.
Selbstmitgefühl kann dabei helfen, Fehler wahrzunehmen, ohne sich selbst dauerhaft abzuwerten.
Das bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben.
Vielmehr kann eine wohlwollende Selbstreflexion die Grundlage dafür schaffen, aus schwierigen Situationen zu lernen.
Das Innere Team: Unterschiedliche Stimmen verstehen
Besonders interessant finde ich die Einbindung des Modells des Inneren Teams.
Die Autorin zeigt, dass Menschen in herausfordernden Situationen häufig unterschiedliche innere Stimmen wahrnehmen.
Ein Teil möchte beispielsweise unbedingt zuverlässig sein.
Ein anderer Teil fühlt sich erschöpft.
Ein weiterer möchte Konflikte vermeiden.
Und wieder ein anderer fordert dazu auf, endlich Grenzen zu setzen.
Diese inneren Stimmen können miteinander in Spannung stehen.
Das Modell ermöglicht es, die unterschiedlichen Perspektiven bewusst wahrzunehmen, anstatt sich unmittelbar von einer einzelnen Stimme leiten zu lassen.
Ein Beispiel wäre eine pädagogische Fachkraft, die überlegt, ob sie trotz gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit gehen soll.
Eine innere Stimme sagt möglicherweise, dass das Team sie dringend benötigt.
Eine andere erinnert daran, dass der eigene Körper Erholung braucht.
Die bewusste Auseinandersetzung mit diesen Stimmen kann helfen, die zugrunde liegenden Bedürfnisse und Überzeugungen besser zu verstehen.
Aus systemischer Perspektive finde ich diesen Ansatz besonders anschlussfähig.
Denn er ermöglicht einen differenzierten Blick auf innere Konflikte.
Statt eine bestimmte Reaktion vorschnell als richtig oder falsch zu bewerten, werden unterschiedliche Bedürfnisse sichtbar.
Das Bewusstheitsrad: Entscheidungen bewusster treffen
Auch das Bewusstheitsrad wird als Instrument zur inneren Klärung vorgestellt.
Es unterstützt dabei, verschiedene Aspekte des eigenen Erlebens auseinanderzuhalten und bewusster in Entscheidungen einzubeziehen.
Gerade in emotional belastenden Situationen kann diese Differenzierung hilfreich sein.
Denn häufig vermischen sich Wahrnehmungen, Bewertungen, Gefühle und Handlungsimpulse.
Wer diese Ebenen besser unterscheiden kann, gewinnt möglicherweise mehr Klarheit darüber, was tatsächlich geschehen ist, welche Bedeutung die Situation persönlich hat und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen.
Für Coaching und Supervision sehe ich hier einen interessanten Anknüpfungspunkt.
4. Selbstführung im Kontakt: Kommunikation achtsam gestalten
Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, wie sich achtsame Selbstführung auf die Kommunikation und Beziehungsgestaltung auswirkt.
Dabei geht es unter anderem um:
-
Kommunikation als gemeinsamen Gestaltungsprozess
-
Unbewusste Reaktionsmuster
-
Blinde Flecken in der Wahrnehmung
-
Achtsames Zuhören
-
Bewusste Beziehungsgestaltung
-
Grenzen setzen mit Klarheit und Verbundenheit
Besonders interessant finde ich die Verbindung zwischen innerer Klärung und äußerer Kommunikation.
Denn häufig entstehen Missverständnisse nicht ausschließlich durch das, was Menschen sagen.
Auch Erwartungen, Erfahrungen, Gefühle und unausgesprochene Bewertungen beeinflussen Gespräche.
Eine Kollegin reagiert beispielsweise gereizt auf eine Rückfrage.
Schnell entsteht möglicherweise die Interpretation, sie sei grundsätzlich unkooperativ.
Dabei könnte sie gerade selbst unter hohem Druck stehen.
Achtsame Kommunikation bedeutet nicht, jedes Verhalten zu entschuldigen.
Sie bedeutet vielmehr, eigene Bewertungen zu erkennen und sich für weitere Perspektiven zu öffnen.
Achtsames Zuhören
Ein zentraler Gedanke des Kapitels ist, dass Zuhören mehr bedeutet, als darauf zu warten, selbst sprechen zu können.
Gerade in Konfliktgesprächen fällt es häufig schwer, wirklich zuzuhören.
Während das Gegenüber spricht, formulieren wir innerlich bereits Gegenargumente oder überlegen, wie wir unsere eigene Position verdeutlichen können.
Die Autorin lädt dazu ein, diese automatischen Muster bewusster wahrzunehmen.
Aus meiner Perspektive als Coachin und Supervisorin ist das besonders relevant.
Denn eine professionelle Gesprächsführung lebt davon, unterschiedliche Perspektiven verstehen zu wollen.
Wer zuhört, um zu verstehen, schafft andere Gesprächsmöglichkeiten als jemand, der ausschließlich zuhört, um zu antworten.
Grenzen setzen mit Klarheit und Verbundenheit
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt ist das Setzen von Grenzen.
Gerade pädagogische Fachkräfte erleben häufig Situationen, in denen sie unterschiedlichen Erwartungen gerecht werden möchten.
Dabei fällt es nicht immer leicht, eigene Grenzen deutlich zu formulieren.
Die Autorin beschreibt, dass Grenzen nicht zwangsläufig zu Distanz oder Ablehnung führen müssen.
Sie können vielmehr eine Voraussetzung für verlässliche Beziehungen sein.
Das finde ich einen wichtigen Gedanken.
Denn eine klare Grenze kann Orientierung geben.
Entscheidend ist, wie sie kommuniziert wird.
Auch in Teams können Grenzen dazu beitragen, Verantwortlichkeiten zu klären und Überlastung frühzeitig anzusprechen.
Besonders gelungen finde ich die Reflexionsimpulse, die dazu einladen, eigene Reaktionsmuster im Umgang mit Unstimmigkeiten zu hinterfragen.
Ziehe ich mich zurück?
Passe ich mich an?
Gehe ich schnell in die Abgrenzung?
Und was würde mir helfen, auch in schwierigen Gesprächen präsent und respektvoll zu bleiben?
Welche praktischen Übungen bietet das Buch?
Ein großer Pluspunkt ist für mich die Verbindung zwischen fachlichen Grundlagen und konkreten Übungen.
Irene Ossa integriert zahlreiche Mini-Check-ins, Selbstreflexionen und alltagsnahe Impulse.
Einige davon möchte ich besonders hervorheben.
1. Das persönliche Stimmungsbarometer
Bereits zu Beginn des Buches lädt die Autorin dazu ein, die eigene Präsenz, Lebendigkeit und Verbundenheit einzuschätzen.
Dazu werden Skalen von 1 bis 10 verwendet.
Diese Übung lässt sich aus meiner Sicht gut für die persönliche Reflexion einsetzen.
Auch in Fortbildungen könnte sie als freiwilliger Einstieg dienen.
Interessant wäre beispielsweise die Frage, welche Veränderungen sich im Verlauf eines Arbeitstages oder einer Arbeitswoche zeigen.
Dabei sollte allerdings deutlich bleiben, dass eine solche Selbsteinschätzung keine psychologische Diagnostik ersetzt.
2. Mini-Check-ins im pädagogischen Alltag
Die Autorin stellt kurze Übungen vor, die ohne großen organisatorischen Aufwand in den Alltag integriert werden können.
Dazu gehören beispielsweise bewusste Atemzüge, das Wahrnehmen der Füße auf dem Boden oder das kurze Innehalten vor einer Tätigkeit.
Gerade diese niedrigschwelligen Impulse finde ich hilfreich.
Denn nicht jede pädagogische Fachkraft hat die Möglichkeit oder den Wunsch, regelmäßig längere Meditationseinheiten durchzuführen.
Kurze Übungen können einen ersten Zugang schaffen.
3. Die eigenen Kraftquellen erkennen
Eine weitere Reflexion beschäftigt sich mit persönlichen Ressourcen.
Dabei geht es darum, Situationen zu erinnern, in denen man sich trotz Anforderungen stabil oder gestärkt gefühlt hat.
Anschließend werden unterstützende Faktoren betrachtet.
Welche Menschen geben mir Kraft?
Welche Tätigkeiten tun mir gut?
Welche persönlichen Fähigkeiten helfen mir in schwierigen Situationen?
Aus meiner Sicht eignet sich diese Übung besonders für Coaching, Supervision und Fortbildungen zur Teamgesundheit.
Sie eröffnet einen ressourcenorientierten Zugang, ohne bestehende Belastungen auszublenden.
4. Das eigene Zukunftsbild entwickeln
Im ersten Kapitel lädt Irene Ossa dazu ein, sich mit einem persönlich stimmigen Zukunftsbild auseinanderzusetzen.
Dabei werden Fragen nach gewünschten Veränderungen, persönlichen Werten und vorhandenen Ressourcen gestellt.
Diesen Ansatz finde ich interessant, weil er über die kurzfristige Stressbewältigung hinausgeht.
Es geht nicht nur darum, den nächsten anstrengenden Tag zu überstehen.
Es geht auch darum, die eigene berufliche Entwicklung bewusst zu gestalten.
5. Das Innere Team kennenlernen
Die Übung zum Inneren Team ermöglicht eine vertiefte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen inneren Anteilen.
Sie eignet sich besonders für Situationen, in denen Menschen zwischen widersprüchlichen Bedürfnissen oder Erwartungen stehen.
Im Coaching kann sie dabei helfen, innere Konflikte zu sortieren und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
6. Reflexion der Zusammenarbeit im Team
Im letzten Kapitel stellt die Autorin Fragen zur inneren Klärung in Teams vor.
Dabei geht es beispielsweise darum, wie Menschen auf Unstimmigkeiten reagieren und was sie benötigen, um im Kontakt zu bleiben.
Diese Impulse finde ich besonders für die kollegiale Fallberatung oder moderierte Teamreflexion interessant.
Allerdings würde ich bei konflikthaften Teams darauf achten, solche Übungen professionell zu begleiten.
Denn nicht jede Gruppe verfügt bereits über ausreichend Vertrauen, um persönliche Reaktionsmuster offen miteinander zu besprechen.
Was mir an dem Buch besonders gefällt
1. Achtsamkeit wird nicht auf Entspannung reduziert
Besonders positiv finde ich, dass Irene Ossa Achtsamkeit als umfassende innere Haltung beschreibt.
Es geht nicht ausschließlich darum, Stress abzubauen.
Vielmehr stehen Selbstwahrnehmung, Beziehungsgestaltung, bewusste Entscheidungen und persönliche Entwicklung im Mittelpunkt.
Dadurch gewinnt das Thema eine größere fachliche Tiefe.
2. Die Verbindung von Selbstführung und pädagogischer Professionalität
Die Autorin macht deutlich, dass die eigene innere Haltung Einfluss auf das pädagogische Handeln hat.
Gerade in der Arbeit mit Kindern ist dies relevant.
Denn Kinder orientieren sich nicht ausschließlich an ausgesprochenen Regeln.
Sie erleben auch, wie Erwachsene mit Stress, Konflikten und schwierigen Gefühlen umgehen.
3. Die zahlreichen Praxisbeispiele
Die beschriebenen Situationen sind nah am Kitaalltag.
Dadurch lassen sich die theoretischen Überlegungen gut nachvollziehen.
Besonders gelungen finde ich, dass häufig kleine Veränderungen im eigenen Handeln betrachtet werden.
Nicht jede Entwicklung beginnt mit einer großen Entscheidung.
Manchmal beginnt sie damit, eine automatische Reaktion überhaupt erst wahrzunehmen.
4. Die Integration unterschiedlicher Methoden
Mit dem Inneren Team, dem Bewusstheitsrad und verschiedenen Reflexionsübungen verbindet die Autorin mehrere Zugänge zur Selbstführung.
Gerade für Menschen, die sich bereits mit Coaching, Beratung oder persönlicher Entwicklung beschäftigen, bietet das interessante Anknüpfungspunkte.
5. Die Bedeutung von Selbstmitgefühl
Besonders wertvoll finde ich die Auseinandersetzung mit dem eigenen inneren Anspruch.
Viele pädagogische Fachkräfte sind sehr engagiert und übernehmen viel Verantwortung.
Dabei kann es passieren, dass sie mit sich selbst deutlich strenger umgehen als mit anderen Menschen.
Das Buch lädt dazu ein, diese Haltung zu hinterfragen.
Was würde ich kritisch einordnen?
Auch wenn ich das Buch insgesamt sehr gelungen finde, möchte ich einige Aspekte differenziert betrachten.
Selbstfürsorge darf keine Antwort auf strukturelle Überlastung sein
Das ist für mich der wichtigste Punkt.
Achtsamkeit kann Menschen dabei unterstützen, mit Belastungen bewusster umzugehen.
Sie kann jedoch keinen fehlenden Personalschlüssel ersetzen.
Sie schafft keine zusätzlichen Vorbereitungszeiten, löst keine dauerhaft unbesetzten Stellen und verändert nicht automatisch problematische Führungsstrukturen.
Gerade in sozialen Berufen besteht die Gefahr, dass Selbstfürsorge zu einer zusätzlichen individuellen Verantwortung wird.
Mitarbeitende sollen resilienter werden, besser mit Stress umgehen und ihre Grenzen erkennen.
Gleichzeitig bleiben die Bedingungen bestehen, die ihre Belastung verursachen.
Menschen können lernen, besser mit Stress umzugehen. Sie sollten aber nicht lernen müssen, dauerhaft unzumutbare Arbeitsbedingungen auszuhalten.
Wichtig finde ich deshalb, dass auch das Vorwort von Prof. Dr. Joachim Bauer ausdrücklich auf die strukturellen Probleme im Kita-Bereich hinweist.
Das Buch ist aus meiner Sicht dann besonders wertvoll, wenn seine Impulse nicht als Ersatz für notwendige organisatorische Veränderungen verstanden werden.
Achtsamkeit ist nicht für alle Menschen gleichermaßen zugänglich
Die vorgestellten Übungen können hilfreich sein.
Gleichzeitig reagieren Menschen unterschiedlich auf Atemübungen, Meditation und intensive Körperwahrnehmung.
Manche erleben diese Methoden als angenehm und stabilisierend.
Andere können dabei zunächst Unruhe oder unangenehme Gefühle wahrnehmen.
Deshalb würde ich insbesondere in Fortbildungen und Teamsitzungen auf Freiwilligkeit achten.
Niemand sollte sich verpflichtet fühlen, die Augen zu schließen, persönliche Gefühle offenzulegen oder bestimmte Übungen mitzumachen.
Selbstregulation ist nicht gleichbedeutend mit Konfliktvermeidung
Ein weiterer Punkt ist mir besonders wichtig.
Achtsamkeit bedeutet nicht, dass Menschen immer ruhig bleiben oder schwierige Gefühle möglichst schnell regulieren müssen.
Ärger kann beispielsweise ein Hinweis darauf sein, dass eine Grenze überschritten wurde.
Frustration kann auf unerfüllte Bedürfnisse oder ungerechte Bedingungen aufmerksam machen.
Deshalb sollte Selbstregulation nicht dazu führen, berechtigte Kritik zurückzuhalten.
Manchmal besteht bewusste Selbstführung gerade darin, einen Konflikt anzusprechen und notwendige Veränderungen einzufordern.
Die Umsetzung benötigt Zeit und Kontinuität
Viele Übungen wirken auf den ersten Blick einfach.
Doch die Entwicklung einer achtsamen Haltung ist kein kurzfristiges Projekt.
Automatisierte Reaktionsmuster verändern sich nicht allein dadurch, dass wir ein Buch lesen.
Es benötigt Übung, Reflexion und die Bereitschaft, sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen.
Das Buch bietet dafür zahlreiche Impulse.
Die tatsächliche Umsetzung bleibt jedoch ein individueller Entwicklungsprozess.
Welche Bedeutung hat das Buch für Führungskräfte?
Obwohl sich das Buch vor allem an pädagogische Fachkräfte richtet, sehe ich auch für Kitaleitungen einen großen Mehrwert.
Denn Führungskräfte stehen häufig vor der Herausforderung, gleichzeitig Entscheidungen zu treffen, Mitarbeitende zu begleiten und unterschiedliche Erwartungen miteinander zu vereinbaren.
Gerade unter hoher Belastung besteht die Gefahr, überwiegend reaktiv zu führen.
Ein Problem tritt auf und muss gelöst werden.
Eine Kollegin fällt aus und der Dienstplan muss verändert werden.
Ein Konflikt entsteht und erfordert Aufmerksamkeit.
Für strategische Überlegungen, Personalentwicklung oder die bewusste Gestaltung von Zusammenarbeit bleibt möglicherweise wenig Raum.
Hier passt der Titel des Buches besonders gut.
Vom Reagieren zum Gestalten bedeutet für mich in der Führung auch, nicht ausschließlich Probleme zu verwalten, sondern bewusst Einfluss auf die Entwicklung einer Einrichtung zu nehmen.
Dazu gehört, eigene Stressmuster zu erkennen.
Aber ebenso wichtig ist es, Prioritäten zu setzen, Verantwortung zu verteilen, Grenzen zu kommunizieren und strukturelle Veränderungen anzustoßen.
Achtsame Selbstführung kann dabei eine wichtige persönliche Grundlage sein.
Sie ersetzt jedoch keine professionelle Führungskompetenz.
Wie lässt sich das Buch in Coaching und Supervision einsetzen?
Aus meiner Perspektive bietet das Buch zahlreiche Anknüpfungspunkte für Beratungsprozesse.
Besonders interessant finde ich folgende Einsatzmöglichkeiten:
Einzelcoaching: Reflexion persönlicher Stressmuster, innerer Antreiber, Bedürfnisse und beruflicher Belastungsgrenzen.
Führungskräftecoaching: Entwicklung bewusster Reaktionsmöglichkeiten, Umgang mit Druck, Selbstführung und Kommunikation.
Teamsupervision: Auseinandersetzung mit automatischen Konfliktmustern, gegenseitigen Erwartungen und achtsamer Zusammenarbeit.
Fortbildungen zur Teamgesundheit: Übungen zur Ressourcenwahrnehmung, Selbstmitgefühl und bewussten Selbstregulation.
Kollegiale Fallberatung: Reflexion der eigenen inneren Reaktionen in herausfordernden pädagogischen Situationen.
Besonders interessant finde ich dabei die Verbindung zwischen individueller Selbstreflexion und systemischer Betrachtung.
Denn nicht jede Belastung entsteht ausschließlich innerhalb einer Person.
Häufig wirken persönliche Ansprüche, Teamdynamiken, organisatorische Bedingungen und gesellschaftliche Erwartungen zusammen.
Deshalb würde ich die Methoden des Buches immer in einen größeren Zusammenhang einordnen.
Für wen eignet sich das Buch?
Besonders empfehlen würde ich es:
Pädagogischen Fachkräften, die ihre Selbstwahrnehmung stärken und bewusster mit belastenden Alltagssituationen umgehen möchten.
Kitaleitungen, die sich mit Selbstführung, gesundheitsorientierter Führung und professioneller Beziehungsgestaltung beschäftigen.
Fachberatungen, die pädagogische Teams in ihrer persönlichen und fachlichen Entwicklung begleiten.
Coaches und Supervisor*innen, die mit Menschen aus sozialen Berufen zu Stress, Kommunikation, Selbstfürsorge und inneren Konflikten arbeiten.
Fortbildner*innen, die praxisnahe Reflexionsimpulse für Seminare zur Teamgesundheit, Resilienz oder Kommunikation suchen.
Auch für Menschen außerhalb des pädagogischen Arbeitsfeldes können die beschriebenen Methoden interessant sein.
Die Beispiele und die Ansprache sind jedoch deutlich auf den Kitaalltag ausgerichtet.
Mein Fazit: Ein wertvoller Impuls für mehr Selbstführung im pädagogischen Alltag
„Vom Reagieren zum Gestalten. Achtsamkeit & Selbstführung für pädagogische Fachkräfte“ von Irene Ossa ist für mich ein fachlich anregendes und praxisnahes Buch, das einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit Selbstfürsorge und professioneller Beziehungsgestaltung leistet.
Besonders überzeugt mich, dass Achtsamkeit nicht ausschließlich als Entspannungsmethode verstanden wird.
Die Autorin zeigt vielmehr, wie Selbstwahrnehmung, Selbstregulation, innere Klärung und Kommunikation miteinander verbunden sind.
Die zahlreichen Reflexionsfragen, Mini-Check-ins und Praxisbeispiele machen die Inhalte gut zugänglich.
Besonders die Kapitel zum Selbstmitgefühl, zum Inneren Team und zur achtsamen Kommunikation bieten aus meiner Sicht wertvolle Anregungen für die persönliche und berufliche Entwicklung.
Auch für Coaching, Supervision und Führungskräfteentwicklung sehe ich interessante Einsatzmöglichkeiten.
Gleichzeitig ist mir eine klare Einordnung wichtig.
Achtsamkeit kann Menschen stärken. Sie darf aber nicht dazu dienen, strukturelle Überlastung zu individualisieren.
Wer dauerhaft unter schwierigen Bedingungen arbeitet, benötigt nicht ausschließlich bessere Bewältigungsstrategien.
Es braucht ebenso verlässliche Rahmenbedingungen, ausreichend Personal, professionelle Führung und eine Organisationskultur, in der Belastungen offen angesprochen werden können.
Gerade deshalb finde ich den Titel des Buches so passend.
Denn vom Reagieren zum Gestalten zu kommen, bedeutet für mich nicht nur, die eigenen Gefühle und Reaktionen bewusster wahrzunehmen.
Es bedeutet auch, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und Verantwortung dort zu übernehmen, wo Veränderungen tatsächlich möglich sind.
Manchmal ist das ein bewusster Atemzug.
Manchmal ein klärendes Gespräch.
Manchmal eine notwendige Grenze.
Und manchmal die Entscheidung, bestehende Bedingungen nicht länger einfach hinzunehmen.
Meine Empfehlung: Ein lesenswertes Buch für pädagogische Fachkräfte, Kitaleitungen und alle, die sich mit Selbstführung, Teamgesundheit und achtsamer Beziehungsgestaltung beschäftigen möchten.
Besonders empfehlenswert finde ich es für Menschen, die nicht nur nach kurzfristigen Entspannungsübungen suchen, sondern sich intensiver mit ihrer eigenen Haltung und ihren beruflichen Reaktionsmustern auseinandersetzen möchten.
Was ich aus dem Buch besonders mitnehme:
Wir können nicht immer entscheiden, welche Anforderungen uns begegnen. Aber wir können lernen, unsere Reaktionen bewusster wahrzunehmen, unsere Grenzen ernst zu nehmen und dort ins Gestalten zu kommen, wo wir tatsächlich Einfluss haben.
📚 Interesse am Buch?
Wer sich intensiver mit Achtsamkeit, Selbstführung und bewusster Kommunikation im pädagogischen Alltag beschäftigen möchte, findet das Buch hier:
Buchinformationen
Titel: Vom Reagieren zum Gestalten
Untertitel: Achtsamkeit & Selbstführung für pädagogische Fachkräfte
Autorin: Irene Ossa
Verlag: Herder
Reihe: Blickwinkel
Erscheinungsjahr: 2026
ISBN (Print): 978-3-451-03678-1
ISBN (E-Book EPUB): 978-3-451-84011-1
ISBN (E-Book PDF): 978-3-451-84012-8
Umfang: 168 nummerierte Buchseiten einschließlich Literaturverzeichnis
Themenschwerpunkte: Achtsamkeit, Selbstführung, Selbstregulation, Stressbewältigung, Selbstmitgefühl, Innere Antreiber, Inneres Team, Bewusstheitsrad, Kommunikation, Beziehungsgestaltung und Grenzen setzen.
Werbung | Transparenzhinweis: Das Buch wurde mir vom Herder Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.
Die Rezension gibt meine unabhängige fachliche Einschätzung wieder.