Kita-Eltern begleiten und beraten
von Eliane Retz:
Warum gute Elterngespräche mehr brauchen als die richtigen Worte
Wie gelingt ein gutes Elterngespräch, wenn Eltern verunsichert sind, unterschiedliche Vorstellungen aufeinandertreffen oder das Verhalten eines Kindes zunehmend Sorgen bereitet?
Wer in einer Kindertageseinrichtung arbeitet, kennt diese Situationen.
Eine Mutter hat Schwierigkeiten, sich während der Eingewöhnung von ihrem Kind zu verabschieden. Eltern erleben das Verhalten ihres Kindes zu Hause völlig anders als die pädagogischen Fachkräfte in der Kita. Ein Kind zeigt zunehmend aggressives Verhalten. Oder eine Familie befindet sich in einer belastenden Lebenssituation, die sich auch auf den Kitaalltag auswirkt.
Solche Gespräche gehören zur pädagogischen Arbeit. Gleichzeitig stellen sie hohe Anforderungen an die Professionalität der Fachkräfte.
Denn es geht selten nur darum, Informationen auszutauschen oder pädagogische Empfehlungen auszusprechen.
Es geht um Vertrauen, Beziehung, unterschiedliche Perspektiven und manchmal auch um die Frage, wie viel Verantwortung pädagogische Fachkräfte übernehmen können und sollten.
Genau mit diesen Herausforderungen beschäftigt sich das Buch „Kita-Eltern begleiten und beraten. Konkrete Impulse für beziehungsorientierte Elterngespräche“ von Eliane Retz, erschienen im Herder Verlag.
Das Buch wurde mir vom Herder Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.
Ich habe mich mit den Inhalten, den Fallbeispielen und der fachlichen Ausrichtung des Buches beschäftigt und möchte meine Einschätzung dazu teilen.
Worum geht es in diesem Buch?
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie pädagogische Fachkräfte Eltern wertschätzend, entwicklungsorientiert und professionell begleiten können.
Eliane Retz betrachtet die Zusammenarbeit mit Eltern aus einer bindungs- und beziehungsorientierten Perspektive.
Dabei geht sie davon aus, dass das Verhalten eines Kindes nicht losgelöst von seinen Beziehungen und seinem familiären Umfeld verstanden werden kann.
Gleichzeitig betont sie, dass Eltern und pädagogische Fachkräfte unterschiedliche Erfahrungen mit dem Kind machen und gerade deshalb voneinander profitieren können.
Eine gelingende Erziehungspartnerschaft entsteht nicht dadurch, dass beide Seiten immer einer Meinung sind. Entscheidend ist vielmehr, dass unterschiedliche Wahrnehmungen ausgesprochen und gemeinsam reflektiert werden können.
Dieser Gedanke zieht sich durch das gesamte Buch.
Besonders deutlich wird dabei, dass professionelle Elternarbeit weit mehr bedeutet, als Eltern über die Entwicklung ihres Kindes zu informieren.
Sie verlangt die Bereitschaft, zuzuhören, nachzufragen, Unsicherheiten auszuhalten und die eigene Perspektive immer wieder zu hinterfragen.
Der Aufbau: Theorie, Praxis und entwicklungspsychologisches Wissen
Das Buch ist in drei große Kapitel gegliedert.
1. Die beziehungsorientierte Erziehungspartnerschaft
Im ersten Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit den Grundlagen einer gelingenden Zusammenarbeit zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften.
Dabei geht es unter anderem um die Bedeutung von Vertrauen, Wertschätzung und gegenseitigem Verständnis.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der professionellen Haltung gegenüber unterschiedlichen Elternpersönlichkeiten.
Die Autorin beschreibt, dass Eltern mit sehr verschiedenen Erfahrungen, Erwartungen und Unsicherheiten in die Kindertageseinrichtung kommen.
Manche suchen intensiv den Austausch und benötigen viel Rückversicherung.
Andere zeigen wenig Interesse an Gesprächen oder begegnen pädagogischen Fachkräften zunächst mit Zurückhaltung.
Für mich ist besonders relevant, dass die Autorin dazu anregt, hinter das sichtbare Verhalten zu schauen.
Denn zurückhaltendes oder ablehnendes Verhalten muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass Eltern kein Interesse an der Entwicklung ihres Kindes haben.
Möglicherweise spielen Unsicherheit, Scham, Überforderung oder frühere Erfahrungen eine Rolle.
Eine professionelle Haltung bedeutet deshalb, nicht vorschnell zu bewerten, sondern zunächst verstehen zu wollen.
Gleichzeitig macht die Autorin deutlich, dass pädagogische Fachkräfte ihre eigenen Zuständigkeiten und Grenzen kennen müssen.
Ein Aspekt, den ich für die Praxis besonders wichtig finde.
2. Mit Eltern ins Gespräch kommen: Impulse aus der Praxis
Das zweite Kapitel bildet den umfangreichsten Teil des Buches.
Anhand von 19 Fallbeispielen aus dem Kitaalltag zeigt Eliane Retz, wie pädagogische Fachkräfte Familien in unterschiedlichen Situationen begleiten können.
Die Fallbeispiele sind drei Themenbereichen zugeordnet:
Die beziehungsorientierte Eingewöhnung: Hier geht es um den Aufbau von Vertrauen, Trennungssituationen und die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern und Eltern.
Herausforderungen mit Familien: Dieser Abschnitt behandelt unter anderem Autonomieentwicklung, kindliche Aggression, Grenzen, Sauberkeitsentwicklung und familiäre Belastungen.
Übergänge begleiten: Hier stehen Veränderungen wie eine nicht gelingende Eingewöhnung, die Trennung von Eltern oder der Übergang in die Schule im Mittelpunkt.
Besonders gelungen finde ich, dass die Fallbeispiele nicht isoliert dargestellt werden.
Die Autorin erläutert Hintergründe, ordnet kindliches Verhalten entwicklungspsychologisch ein und formuliert konkrete Impulse für Elterngespräche.
Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen fachlichem Wissen und praktischer Handlungskompetenz.
3. Kindliche Entwicklung: Basiswissen
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit grundlegenden Erkenntnissen der kindlichen Entwicklung.
Im Mittelpunkt stehen:
-
Soziale Entwicklung
-
Bindungsentwicklung
-
Emotionale Entwicklung
Dieses Kapitel ergänzt die vorherigen Praxisbeispiele um theoretische Hintergründe.
Das halte ich für sinnvoll, denn professionelle Elterngespräche benötigen nicht nur kommunikative Kompetenzen, sondern auch fundiertes Wissen über kindliche Entwicklungsprozesse.
Wer beispielsweise versteht, welche Bedeutung Bindung, Autonomie und Emotionsregulation für die Entwicklung eines Kindes haben, kann dessen Verhalten differenzierter einordnen.
Und genau diese Einordnung ist häufig entscheidend dafür, wie ein Gespräch mit Eltern verläuft.
Vier Fallbeispiele, die ich besonders interessant finde
Maja: Wenn Eingewöhnung mehr Zeit braucht
Das erste Beispiel, das ich hervorheben möchte, beschäftigt sich mit der dreijährigen Maja.
Maja wurde bislang ausschließlich innerhalb ihrer Familie betreut und hat große Schwierigkeiten, sich während der Eingewöhnung von ihrer Mutter zu lösen.
Auch nach zwei Wochen benötigt sie weiterhin die unmittelbare Nähe ihrer Mutter.
Die pädagogische Fachkraft entscheidet sich gemeinsam mit der Mutter dafür, zunächst auf weitere Trennungsversuche zu verzichten.
Stattdessen erhält Maja Zeit, Vertrauen aufzubauen und die neue Umgebung kennenzulernen.
Ein bereits eingewöhntes Kind unterstützt sie dabei als Patin.
Erst nach mehreren Wochen gelingt die Trennung von ihrer Mutter.
Was macht dieses Beispiel interessant?
Es verdeutlicht, dass Eingewöhnung kein standardisierter Prozess ist, der bei jedem Kind innerhalb einer bestimmten Anzahl von Tagen abgeschlossen sein muss.
Gleichzeitig zeigt es, wie bedeutsam die Haltung der pädagogischen Fachkraft ist.
Die Ruhe und Gelassenheit der Fachkraft wirken sich auch auf die Mutter aus.
Dadurch entsteht eine Situation, in der Maja zunehmend Sicherheit entwickeln kann.
Für mich ist das ein wichtiger Impuls für die pädagogische Praxis.
Denn gerade unter schwierigen personellen und organisatorischen Bedingungen entsteht häufig der Druck, Eingewöhnungen möglichst schnell abzuschließen.
Das Beispiel erinnert daran, dass die individuellen Bedürfnisse des Kindes dennoch im Mittelpunkt stehen müssen.
Jonah: Grenzen setzen und gleichzeitig Beziehung gestalten
Ein weiteres Beispiel beschäftigt sich mit der Frage, wie Grenzen und Bindung miteinander vereinbart werden können.
Gerade in der pädagogischen Arbeit begegnet mir immer wieder die Vorstellung, dass eine beziehungsorientierte Haltung bedeuten könnte, möglichst wenige Grenzen zu setzen.
Doch Beziehung und Grenzsetzung schließen sich nicht aus.
Vielmehr kommt es darauf an, wie Grenzen kommuniziert und begleitet werden.
Kinder benötigen Orientierung und Erwachsene, die Verantwortung übernehmen.
Gleichzeitig brauchen sie die Sicherheit, dass ihre Gefühle auch dann ernst genommen werden, wenn ein Wunsch nicht erfüllt werden kann.
Ein Nein zu einem Wunsch muss kein Nein zur Beziehung sein.
Diesen Gedanken halte ich für die Zusammenarbeit mit Eltern für besonders wertvoll.
Denn gerade bei herausforderndem Verhalten entstehen häufig Diskussionen darüber, ob Eltern zu streng oder zu nachgiebig reagieren.
Die beziehungsorientierte Perspektive eröffnet hier einen differenzierteren Zugang.
Es geht nicht darum, Grenzen grundsätzlich infrage zu stellen.
Es geht darum, Grenzen respektvoll und entwicklungsangemessen zu gestalten.
Juno: Wenn kindliche Aggression zum Thema wird
Besonders nachdenklich gemacht hat mich das Fallbeispiel von Juno.
Juno zeigt zunehmend aggressives Verhalten.
Ihre Eltern versuchen, darauf mit Strafen und dem Entzug von Gegenständen zu reagieren.
Die erhoffte Verbesserung bleibt jedoch aus.
Stattdessen verschärft sich die Situation.
Auch in der Kindertageseinrichtung wird das Verhalten zunehmend problematisch. Andere Kinder beginnen, Juno zu meiden.
Die Eltern erleben sich schließlich selbst als überfordert.
In einem Gespräch mit der Kitaleitung wird deutlich, dass zusätzliche Unterstützung sinnvoll ist.
Die Familie nimmt daraufhin eine externe Beratungsstelle in Anspruch.
Warum finde ich dieses Beispiel besonders relevant?
Weil es verdeutlicht, dass herausforderndes Verhalten nicht ausschließlich auf der Ebene des sichtbaren Verhaltens betrachtet werden sollte.
Die Frage lautet nicht nur:
Wie können wir erreichen, dass das Kind dieses Verhalten unterlässt?
Sondern auch:
Welche Belastungen, Beziehungserfahrungen und unerfüllten Bedürfnisse könnten mit dem Verhalten zusammenhängen?
Gleichzeitig zeigt das Beispiel eine wichtige professionelle Grenze.
Pädagogische Fachkräfte können Familien unterstützen, beraten und begleiten.
Sie müssen jedoch nicht jede familiäre Problematik selbst lösen.
Manchmal besteht professionelles Handeln gerade darin, zusätzliche Unterstützung zu vermitteln.
Für mich ist das ein besonders wichtiger Aspekt, weil Elternberatung im Kitaalltag häufig neben vielen anderen Aufgaben stattfindet.
Pauly: Wenn Eltern sich trennen
Auch das Fallbeispiel von Pauly halte ich für sehr praxisrelevant.
Die Trennung der Eltern verändert nicht nur das Familienleben der Erwachsenen.
Sie kann auch die emotionale Sicherheit, die Alltagsstruktur und das Verhalten eines Kindes beeinflussen.
Für pädagogische Fachkräfte stellt sich dabei die Frage, wie sie das Kind begleiten können, ohne sich in familiäre Konflikte hineinziehen zu lassen.
Gerade hier ist eine professionelle Haltung erforderlich.
Das Kind benötigt verlässliche Bezugspersonen, Verständnis für seine Gefühle und möglichst viel Kontinuität.
Gleichzeitig ist es wichtig, die Perspektiven der Eltern wahrzunehmen, ohne vorschnell Partei zu ergreifen.
Die Aufgabe pädagogischer Fachkräfte besteht nicht darin, familiäre Konflikte zu entscheiden, sondern das Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen.
Das Fallbeispiel bietet einen interessanten Anlass, die eigene Rolle in solchen Situationen zu reflektieren.
Was mir an diesem Buch besonders gefällt
1. Die konsequente Orientierung an Beziehungen
Die zentrale Stärke des Buches liegt für mich in seiner Haltung.
Eliane Retz betrachtet Kinder und Eltern nicht ausschließlich anhand einzelner Verhaltensweisen.
Stattdessen richtet sie den Blick auf Beziehungen, Bedürfnisse und Entwicklungsprozesse.
Das finde ich gerade für die pädagogische Praxis wichtig.
Denn im Kitaalltag entstehen schnell Zuschreibungen.
Ein Kind gilt als schwierig.
Eltern werden als anstrengend wahrgenommen.
Eine Familie erscheint wenig kooperativ.
Solche Bewertungen können dazu führen, dass wir bestimmte Verhaltensweisen zunehmend durch eine bereits festgelegte Perspektive betrachten.
Das Buch regt dazu an, diese Perspektive zu erweitern.
2. Die Verbindung von Theorie und Praxis
Die Fallbeispiele sind für mich ein großer Pluspunkt.
Sie greifen Situationen auf, die vielen pädagogischen Fachkräften bekannt vorkommen dürften.
Besonders hilfreich finde ich, dass die Autorin nicht nur beschreibt, was passiert, sondern auch erläutert, welche entwicklungspsychologischen Aspekte eine Rolle spielen.
Dadurch werden die Beispiele fachlich nachvollziehbar.
3. Die Bedeutung der professionellen Haltung
Ein weiterer Punkt, den ich hervorheben möchte, ist die Bedeutung der eigenen Haltung.
Gerade in herausfordernden Elterngesprächen geht es häufig darum, möglichst schnell eine Lösung zu finden.
Doch manchmal braucht es zunächst etwas anderes.
Zuhören.
Nachfragen.
Verstehen.
Und die Bereitschaft, die eigene Einschätzung zu überprüfen.
Nicht jedes Gespräch muss unmittelbar eine Lösung hervorbringen, um wertvoll zu sein.
Manchmal besteht der erste wichtige Schritt darin, gegenseitiges Verständnis zu entwickeln.
4. Die klare Benennung professioneller Grenzen
Positiv finde ich auch, dass die Autorin auf die Grenzen pädagogischer Elternberatung eingeht.
Fachkräfte sollen Familien unterstützen, aber nicht die Verantwortung für sämtliche familiären Herausforderungen übernehmen.
Die Weitervermittlung an geeignete Beratungsstellen kann deshalb ein wichtiger Bestandteil professioneller Arbeit sein.
Gerade für Kitaleitungen und Fachkräfte halte ich diese Unterscheidung für bedeutsam.
Was würde ich kritisch einordnen?
Auch wenn mich die grundsätzliche Ausrichtung des Buches überzeugt, gibt es einige Aspekte, die ich fachlich differenziert betrachten würde.
Die Fallbeispiele zeigen ausschließlich gelingende Entwicklungen
Die Autorin weist selbst darauf hin, dass sie sich bewusst für positive Fallverläufe entschieden hat.
Das hat durchaus Vorteile.
Die Beispiele machen Mut und zeigen, welche Entwicklungsmöglichkeiten durch eine wertschätzende Zusammenarbeit entstehen können.
Gleichzeitig hätte ich es interessant gefunden, auch Situationen kennenzulernen, in denen Gespräche nicht zum gewünschten Ergebnis führen.
Denn im pädagogischen Alltag erleben Fachkräfte durchaus, dass Eltern Gespräche ablehnen, Empfehlungen nicht umsetzen oder unterschiedliche Vorstellungen bestehen bleiben.
Gerade der professionelle Umgang mit solchen Situationen wäre eine wertvolle Ergänzung gewesen.
Manche Beschreibungen von Elternpersönlichkeiten verlangen eine kritische Reflexion
Im ersten Kapitel unterscheidet die Autorin verschiedene elterliche Verhaltensweisen und beschreibt unter anderem sogenannte bindungsüberengagierte Eltern.
Diese Einordnungen können helfen, bestimmte Dynamiken besser zu verstehen.
Gleichzeitig sehe ich die Gefahr, dass daraus vorschnell feste Kategorien entstehen.
Aus meiner Sicht sollte eine professionelle Elternberatung immer berücksichtigen, dass Verhalten situationsabhängig ist und von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird.
Eine Mutter, die während der Eingewöhnung besonders besorgt wirkt, muss deshalb nicht grundsätzlich Schwierigkeiten haben, ihrem Kind Autonomie zu ermöglichen.
Vielleicht hat sie belastende Erfahrungen gemacht.
Vielleicht steht sie unter erheblichem Druck.
Oder sie benötigt schlicht mehr Zeit, um Vertrauen aufzubauen.
Für mich sollten solche Beschreibungen deshalb immer als mögliche Erklärungsansätze verstanden werden und nicht als feste Zuschreibungen.
Familiäre Belastungen sind nicht immer ausschließlich durch Beziehungsgestaltung erklärbar
Die bindungsorientierte Perspektive ist eine wesentliche Stärke des Buches.
Gleichzeitig würde ich sie durch weitere Perspektiven ergänzen.
Kindliches Verhalten und familiäre Herausforderungen werden auch durch gesellschaftliche und strukturelle Bedingungen beeinflusst.
Dazu gehören beispielsweise finanzielle Belastungen, Wohnverhältnisse, Arbeitsbedingungen, gesundheitliche Einschränkungen, Diskriminierungserfahrungen und fehlende Unterstützungsangebote.
Gerade aus einer sozialarbeiterischen und systemischen Perspektive halte ich es für wichtig, diese Rahmenbedingungen mitzudenken.
Denn nicht jede Belastung lässt sich allein durch eine Veränderung des elterlichen Verhaltens lösen.
Die Rahmenbedingungen in Kindertageseinrichtungen bleiben eine Herausforderung
Die Autorin zeigt, wie wichtig Zeit, Aufmerksamkeit und eine vertrauensvolle Beziehung für gelingende Elterngespräche sind.
Dem stimme ich zu.
Gleichzeitig erleben viele pädagogische Fachkräfte einen Alltag, in dem genau diese Ressourcen knapp sind.
Personalausfälle, hohe Arbeitsbelastung und zahlreiche organisatorische Anforderungen erschweren die Möglichkeit, Familien kontinuierlich zu begleiten.
Für mich stellt sich deshalb immer auch die Frage:
Welche Rahmenbedingungen benötigen Fachkräfte, um die im Buch beschriebene professionelle Haltung tatsächlich leben zu können?
Denn gute Elternarbeit darf nicht ausschließlich von der individuellen Einsatzbereitschaft einzelner Fachkräfte abhängen.
Sie benötigt auch entsprechende Strukturen.
Für wen eignet sich das Buch?
Aus meiner Sicht eignet sich das Buch besonders für:
-
Pädagogische Fachkräfte, die ihre Elterngespräche bewusster und beziehungsorientierter gestalten möchten.
-
Kitaleitungen, die ihre Teams bei der Entwicklung einer gemeinsamen Haltung zur Zusammenarbeit mit Familien unterstützen.
-
Fachberatungen und Fortbildner*innen, die Fallbeispiele für Reflexionsprozesse und Teamfortbildungen nutzen möchten.
-
Studierende der Kindheitspädagogik, Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit, die sich mit Bindung, Entwicklung und professioneller Elternarbeit beschäftigen.
-
Fachkräfte in Familienzentren, die Familien beraten, begleiten und bei Bedarf an weitere Unterstützungsangebote vermitteln.
Auch für die kollegiale Fallberatung halte ich die Inhalte für interessant.
Die Beispiele könnten als Ausgangspunkt genutzt werden, um gemeinsam über Gesprächsführung, eigene Bewertungen und professionelle Grenzen nachzudenken.
Mein Fazit: Ein wertvoller Impuls für eine beziehungsorientierte Elternarbeit
„Kita-Eltern begleiten und beraten“ von Eliane Retz ist für mich ein lesenswertes Fachbuch, das die Bedeutung einer wertschätzenden und beziehungsorientierten Zusammenarbeit mit Eltern überzeugend in den Mittelpunkt stellt.
Besonders gelungen finde ich die Verbindung von entwicklungspsychologischem Wissen und konkreten Fallbeispielen.
Die Autorin zeigt, wie wichtig es ist, kindliches Verhalten nicht vorschnell zu bewerten, sondern im Zusammenhang mit Beziehungen und individuellen Entwicklungsprozessen zu betrachten.
Gleichzeitig macht das Buch deutlich, welche Bedeutung pädagogische Fachkräfte für Familien haben können.
Nicht, indem sie Eltern belehren oder ihnen fertige Lösungen vorgeben.
Sondern indem sie zuhören, Orientierung anbieten und gemeinsam mit den Familien neue Perspektiven entwickeln.
Für mich liegt darin eine zentrale Qualität professioneller Elternberatung.
Die ausschließlich positiven Fallverläufe und einzelne pauschalisierende Beschreibungen von Elternpersönlichkeiten würde ich allerdings kritisch reflektieren.
Auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen und strukturelle Belastungen sollten bei der Arbeit mit Familien immer mitgedacht werden.
Trotzdem bietet das Buch zahlreiche wertvolle Impulse für die pädagogische Praxis.
Meine Empfehlung richtet sich insbesondere an pädagogische Fachkräfte, Kitaleitungen und Menschen, die sich mit professioneller Gesprächsführung und der Zusammenarbeit mit Familien beschäftigen.
Was ich aus diesem Buch besonders mitnehme:
Ein gutes Elterngespräch beginnt nicht mit der perfekten Formulierung, sondern mit der Bereitschaft, den Menschen hinter seinem Verhalten verstehen zu wollen.
Und manchmal kann genau das den entscheidenden Unterschied machen.
Vielen Dank an den Herder Verlag für die kostenfreie Bereitstellung des Rezensionsexemplars!
📚 Interesse am Buch?
Wenn du dich intensiver mit beziehungsorientierter Elternarbeit, professioneller Gesprächsführung und der Begleitung von Familien beschäftigen möchtest, findest du das Buch hier:
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Buchinformationen
Titel: Kita-Eltern begleiten und beraten
Untertitel: Konkrete Impulse für beziehungsorientierte Elterngespräche
Autorin: Eliane Retz
Verlag: Herder
Erscheinungsjahr: 2024
ISBN (Print): 978-3-451-39601-4
Umfang: 190 nummerierte Buchseiten
Themenschwerpunkte: Erziehungspartnerschaft, Elterngespräche, Bindungsorientierung, Eingewöhnung, kindliche Entwicklung und professionelle Elternberatung
Werbung | Transparenzhinweis: Das Buch wurde mir vom Herder Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.
Die Rezension gibt meine unabhängige fachliche Einschätzung wieder.